
Liebe Amerika-Begeisterte und liebe Amerika-Entsetzte!
Wie kann ich zum Geburtstag gratulieren, wenn mir gar nicht danach ist? Doch der 4. Juli 1776 und damit der 250. Freudentag, oder sagen wir, der Tag zum Feiern der Declaration of Independence kommt. Zwar ist das ganze Setting eingebettet in die World Championship of Soccer. Die Feierschwaden zum 80. Geburtstag des amtierenden 47. Präsidenten in Washington werden dann noch am Himmel über den Metropolregionen und den Wide Planes hängen. Nevertheless ist deshalb Erinnerung angesagt, die Geschichte der aus der Unabhängigkeitserklärung herausgewachsenen Staatsnation ist ja vielschichtig und hat auf die Jahresringe der USA nicht geringen Einfluss genommen. [Dort steht gleich zu Beginn: „We hold these Truths, to be self-evident, that all Men are created equal, that they are endowed by their Creator, with certain unalienable Rights that amog these are Life, Liberty and the Persuit of Happiness – That to secure these Rights…]
Und die Glückwunschkarte? – Was wünscht man/frau einem ganzen Volk zur Geburt, zum Schrei/Out Cry, seiner Taufe und seiner Geburtsurkunde, seiner Existenzbescheinigung? We keep smiling, gestikulierend zum Ausruf seiner Daseinsberechtigung: Schön, dass es dich gibt! – Dich Dokument von damals, Dich Citizen heute?
Die Unabhängigkeitserklärung vom 4.7.1776 hält die Fackel hoch, die wir im DAGH-Logo führen. Die Statue of Liberty kann den Kundgebungstext von damals fehlerfrei und ohne zu stocken zitieren. Und sie wiederholt die Einladung zur Freiheit und zum Schöpfungswunder ‚Mensch‘/human being.
Von Einwanderung, Deutschen und dem amerikanischen Traum
Für alle die bis heute den amerikanischen Traum hören wollen, ruft sie die Einladung am Schluss des Poems The new Colossus zu: „Give me your tired, your poor…“, („Gebt mir Eure Müden, Eure Armen, Eure dicht zusammengedrängten Massen, voller Sehnsucht bestrebt, frei zu atmen, … ich halte meine Fackel hoch am goldenen Tor.“) Dieser Traum wurde über Jahrhunderte und für viele auch aus Germany wahr. Wenn auch die Zahl der Tellerwäscher-Millionäre klein blieb, waren Arbeit und Brot, waren Demokratie und Freiräume für die Vielen eine neue Gegenwart. (Doch längst nicht alle profitierten in Zeiten der Immigration von dem verheißenen Potential; 20 Prozent schafften es nicht, mussten umkehren oder verschwanden in den Turbulenzen der Auswanderung.) – Freilich wurde für bald sieben Millionen deutschstämmige ‚Flüchtlinge‘ Platz geschaffen, die Ureinwohner (Native Nations) verdrängt durch selbst gestellte Besitzansprüche, Mord und Manpower – mit Tränen und Verzweiflung bei den Europäern und den Hauptleidtragenden, der First Nation. Nicht nur die jetzige US-Administration betreibt Geschichtsklitterung, um Blutspuren auf der erwarteten goldumrandeten Glückwunschkarte zu vermeiden, wenn sie den Eroberungsfeldzug der sehnsuchtsvoll Gestimmten und Gewillten unter den Teppich kehren will.
So ein Geschichtsdatum wie der besagte kommende Julitag gibt den Weg frei für Erkundungen im Sinne von Bettina Gaus Lebenswerk „Auf der Suche nach Amerika“, mit dem Untertitel „Begegnungen mit einem fremden Land“ (schon von 2008); für mich vielleicht mehr der Wahrheit entsprechend formuliert ‚mit einem fremdgewordenen Besiedlungsraum‘, ist es doch ‚auch unser Amerika‘, ein Neuland und zweite Heimat auch für viele Nordfriesen und Nordfriesinnen, auch Husumer und Husumerinnen, gewonnen über Jahrhunderte und vor noch nicht allzu langer Zeit. Das Nordfriisk Instituut hat Schätze gehoben. Jeder siebte ist damals und über die Jahre nach Amerika ausgewandert. Frank Trommlers Blumenstrauß-Sammelband verbürgt die Bestandsaufnahme unserer 300-jährigen Geschichte mit ‚drüben‘. Er erweist der Gemeinschaft zwischen der sog. ‚Neuen Welt‘ in „Amerika und die Deutschen“ (schon von 1986) alle Ehre.
Ein faschistischer Feldzug gegen die freie Rede
Europäischen Naziterror hielten die emigrierten Auswanderer für unmöglich. Die Verheißung der Freiheitsstatue galt als bare Münze. Nach dem 2. Weltkrieg dankten es die Manns, die Brechts und Feuchtwangers. Und doch!: Der erste US-amerikanische Literaturnobelpreisträger Sinclair Lewis hat die unheimliche Vorwegnahme der aktuellen Ereignisse im Land der Möglichkeiten in „Das ist bei uns nicht möglich“ beschrieben (2.TB-Auflage 2020). Solch eine faschistische Regierung und ebenso sich zerrüttende gesellschaftliche Verhältnisse sind eine Zumutung für die Mehrheit der US-Bürger, für uns und weltweit. „Big Brother Gone“ titelt die SZ, die Krise der amerikanischen Demokratie wird bei den Feierlichkeiten den Trauerflor abgeben (müssen). Und wir hier dürfen uns trösten lassen durch den prophetischen Stolz tapferer US-TV-Komiker, die US-weit einladend laut politische Gegenwartskritik üben. Das bleibt nicht ohne Opferrollen: Der CBS-Late-Night-Show Moderator Stephen Colbert wurde jetzt zum 21.5.26 gefeuert (rechtlich rechtzeitig gekündigt); doch es bleiben weitere Unrechtsanprangernde wie Jimmy Kimmel, Jimmy Fallon, Seth Meyers und John Oliver. Die bange Frage ist, für wie lange werden die anderen Wahrheitsapostel bleiben können und den Spiegel vorhalten für die Wahrheitserkenntnis versus lancierter Fake-News. Ob die Midterms am 3.11.26 (erster Dienstag im November) dafür weichenstellend sein werden? Mit zur Opposition gehören die Verantwortlichen der historisch gewachsenen Protestantischen Kirchen der Vereinigten Staaten von Amerika – auch die Lutherische Einwandererkirche ELCA – und die römisch-katholische Kirche aus Notwehr zumal, dem Papst sei Dank!
Selbstkritische Betrachtungen
Dabei sind die Selbstzweifel von eingenordeten, sprich: US-amerikanisierten Deutschen, Europäern und neu Dazugekommenen aus aller Herren Länder deutlich präsent. Der Traum vom Land der Verheißung und der unbegrenzten Möglichkeiten wurde von Anfang an an die Realitäten angepasst und von ‚dem Menschen’ transportiert wird, so wie er‘s kann und wie er ist. „Der menschliche Makel“ bringt jeden Traum in Gefahr, zum Trauma zu werden. Denn die versprochenen unbegrenzten Möglichkeiten werden zu Bettvorlegern im Dickicht menschlicher Verstrickungen und Unzulänglichkeiten, von Gier und Niedertracht, von Allmachtsfantasie und Skrupellosigkeit. Doch es gibt keine anderen Menschen. Nicht damals in Europa und nicht heute im Amerika der Vereinigten Staaten. Das bringt Philip Roths eben genannter Roman „The Human Stain“ (2002) – ganz frisch vor der Jahrtausendwende – ebenso zum Ausdruck wie vielleicht noch in markanterer Götterdämmerung Noam Chomsky in seiner Abgesang-Trauerfeier „Requiem for the American Dream“ (2017), in seiner ‚Trauerfeier‘ verbunden mit harscher Kritik an Reichtum und Macht unserer Tage. Wenn da nicht auch bei jeder und jedem Einzelnen von uns die Klingeln schrillen. Zu den Gegenwartsprofeten zählt auch Timothy Snyder, lange in Berlin, jetzt von New York ausgewandert nach Canada. Brand new sein auch ins Deutsche übersetzter Mahnbericht „Freiheit“ (2026), mittlerweile verbreitet in überregionalen Tageszeitungen. Ein Blick hinein lohnt sich!
Einstehen für US-amerikanische Werte und Menschen, die sie verteidigen
Und doch, sich einfach von der transatlantischen Freundschaft abzuwenden ist keine Option. Dafür achte ich die Vereinigten Staaten zu sehr. Klaus Brinckbäumer formuliert schon 2018 einen „Nachruf auf Amerika“ mit der These eines ‚Endes der Freundschaft und die Zukunft des Westens‘- mit einem zerrissenen Land. Hat er die Zeit vorweggenommen oder sieht er zu schwarz? Wir, jeder von uns ist selbst gefordert, Position zu beziehen und einzustehen für die vielen (Wahl-)Verwandten im ‚Gelobten Land‘ jenseits des Atlantiks.
Die German-Americans haben viel eingebracht in unsere nunmehr transatlantischen Beziehungen; das Max Kade German-American Center in Wisconsins Hauptstadt Madison gibt Kunde davon und formuliert in einem mir zugesteckten Leaflet, einem Rundschreiben „Die Deutschen im Schmelztiegel der USA“: ‚Vergesst uns nicht/Don’t forget me and us.‘
Die Deutschen haben die USA immer heißt geliebt
Nicht vergessen: wir Deutschen haben die USA immer heiß geliebt. Wir tun das bis heute. Dieses weite Land, mit Freunden in den Reservaten, z. B der Pine Ridge-Reservation in Süd-Dakota mit der dortigen Frankfurterin der Wahl-Lakota-Sioux, auch mit Farmern wie den Schinckels in Iowa und her, Ellis in Maryland brauchen uns. Ja, ich tue es zwar versehrt, aber unverwehrt.
Zugleich haben wir oft und in der Gegenwart, right now, mehr denn je unter Beziehungsirritationen und Brüchen zu leiden (gehabt). Der Status quo ist nervenaufreibend – bisweilen demütigend und abstoßend arrogant, keine Frage. Trotz alledem halten wir fest an der „Toxic Empathie“, daran, dass Mitfühlen und Liebe üben gerade nicht Gift sind, wie führende Politiker ‚drüben‘ meinen, sondern dass Umarmung und ein Gestus der Zuneigung und der Hörbereitschaft notwendige Bedingungen sind für eine Geburtstagsfeier unter Freunden und Bekannten, unter Verwandten und neu Dazukommenden. Gerade in christlichen Kulturen ist „to compassionate“ kein Beschimpfungswort (Mr. Vice-Precident), sondern das Gegenteil, ist Losung für ein Miteinander in allen Unterschieden. Die Bischöfe und Bischöfinnen in Minnesota formulierten im Angesicht der Ermordung zweier Bürger durch ICE-Schergen in Minneapolis „We will not grow weary, for we are not alone.“ (Wir werden nicht müde, wir fühlen uns im Geiste der Declaration of Independence gestärkt für die Krisen in naher Zukunft.) Bruce Springsteen (wie klingt der Nachname) hat den Schmerz in einen Klagelaut in „Minneapolis“ vertont und bejammert!
Übrigens tragen auch drei der vier Astronauten der Artemis-2-Mission deutsche Namen: Koch, Wisemann, Hansen.
Und wir, die wir Anfang Juli in Husum und in Nordfriesland bleiben, lasst uns unsere Grüße und Glückwünsche mit einem „Dennoch“ übermitteln. We are ‚turning 250‘ in the same way as of the Founding Fathers – with Congratulations form the bottom of the heart!
Deutsch-Amerikanische Gesellschaft Husum
(In the chair Dr. H. Edelmann)
